Wieviel Schönheit passt in ein Leben?

Ein volles Leben von Joost Oomen aus dem Arche Verlag ist ein emotional berührender Roman, der seine Leser:innen sowohl mit der Schönheit des Lebens wie auch mit der Tragweite persönlicher Entscheidungen am Lebensende konfrontiert. Es ist ein nachdenklicher Roman, der sich mit einer der schwierigsten Fragen auseinandersetzt: Wann ist ein Leben wirklich „voll“ und wann und wie darf ein Mensch Abschied nehmen?

In der Geschichte begleiten wir Theo Engel, einen niederländischen Sterbehilfearzt. Fast jede Woche verabreicht er Menschen, die unzumutbar und ausweglos leiden, die erlösende Spritze. Doch der Beruf zehrt an ihm, Theo kämpft mit Depressionen. Eines Tages erhält er einen bemerkenswerten Brief: Darin bittet ihn ein zwar nicht mehr junger, aber vollkommen gesunder Mann um Sterbehilfe. Gerrit Blauw möchte sterben, weil er sein Leben für vollendet hält. Um den Arzt zu überzeugen, ihm zu helfen, erzählt Gerrit Theo von der Schönheit, die sein Leben erfüllt hat. Von seiner Arbeit für das Theater, vor allem aber von seiner großen Liebe Saartje, für die er einmal sogar eine Giraffe auf eine Nordseeinsel verschifft hat. Und zum ersten Mal beginnt Theo sich zu fragen, ob der Mensch nicht nur ein schönes Leben, sondern auch einen schönen Tod verdient hat.

Joost Oomen erzählt Ein volles Leben mit einer Mischung aus Wärme und philosophischer Tiefe. Die Sprache trägt eine gewisse Leichtigkeit, selbst wenn sie schwere Fragen berührt. Es geht nicht nur um das Sterben, sondern auch um das Leben selbst. Was macht es lebenswert, wie formen uns Erinnerungen und Beziehungen. Der Roman balanciert zwischen Lebendigkeit und der Reflexion über das Ende. Gerrits Wunsch nach einem selbstbestimmten Tod wirft Fragen auf, die weit über das persönliche Schicksal hinausgehen. Wer definiert Lebensqualität? Wann ist ein Leben „genug“ gelebt? Der Autor gibt keine einfachen Antworten. Stattdessen fordert den Leser dazu heraus, die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen und mitzufühlen.

Gerade das Thema Sterbehilfe macht das Buch kontrovers, aber wichtig: In einer Zeit, in der Debatten über Selbstbestimmung am Lebensende und die Würde des Sterbens gesellschaftlich relevant sind, eröffnet dieser Roman einen Raum für Empathie und differenzierte Betrachtung. Er zeigt das Sterbehilfe als menschliches Thema verstanden werden muss, eingebettet in die jeweilige Biografie, in die eigene Erfahrung und in die innere Auseinandersetzung.

Wer offen ist für Fragen über Liebe, Würde, Lebensqualität und Loslassen, findet hier eine intensive, ehrliche und nachdenkliche Lektüre ohne Moralisierungen, aber zutiefst menschlich.

Claudia Böhme - Buchhaltung und Social Media

Claudia Böhme

Moin, ich bin Claudia und Bücher spielen in meinem Leben schon immer eine große Rolle. Ich lese gerne Frauenromane, Krimis und Biografien. Meine Lieblingsautor:innen sind Andrej Kurkow, Alina Bronsky, Brigitte Reimann, Tove Ditlevsen, Anne B. Ragde, Éliette Abécassis, Henning Mankell und noch einige mehr. Und eines meiner Langzeitlieblingsbücher ist die Legende von Paul und Paula.

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